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Süddeutsche Zeitung, 24.2.2015




Vom Leben lernen
von Melanie Staudinger, Süddeutsche Zeitung 24.2.2015

Im Rahmen des Projektes „Werkstatt der Generationen“ kommen regelmäßig Senioren in die Integrative Montessori Schule an der Balanstraße, um mir den Schülern zu arbeiten. Einer von ihnen ist der Ingenieur Helmut Piening

Kaum zu glauben, dass eine Schachtel mit sechs Hühnereiern etwas mit Physik zu tun haben soll; die neun Buben in der Montessorischule an der Balanstraße schauen ungläubig drein. Neben ihnen sitzt Helmut Piening, 78, ein pensionierter Ingenieur. Er nimmt ein rohes Ei, legt es auf dem Tisch und dreht es – das Ei dreht dann noch ein paar Runden allein, ziemlich unspektakulär. Wiederholt der Rentner den Vorgang aber mir einem gekochten Ei, so stellt sich dieses auf, fast wie ein Kreisel. Die Kinder sind begeistert, jeder will das auch mal probieren. Aber zuerst fragt Piening, woran das gelegen habe. „Am Schwerpunkt“, sagt einer der Buben. Piening ist zufrieden, genau das wollte er den Viert- bis Sechstklässlern beibringen.

Die Initiative ist ausgezeichnet mit dem „Deutschen Alterspreis“ der Robert-Bosch-Stiftung

Zauberhafte Physik nennt sich das von der Berlinerin Maren Heinzerling initiierte Programm, das Helmut Piening jeden Dienstag für ein einviertel Stunden in der Montessori-Schule anbietet. Er ist einer von etwa 70 älteren Menschen, die im Rahmen des Projektes „Werkstatt der Generationen“ regelmäßig kommen und dort mit Schülern arbeiten. Sie sollen ihre Lebenserfahrung in einer Zeit weitergeben, in der viele Kinder das Zusammenleben verschiedener Generationen nicht mehr kennen.

Das Angebot ist Teil des Schulkonzeptes, und die Montessori-Schule ist kürzlich mit dem „Deutschen Alterspreis“ der Robert-Bosch-Stiftung ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung würdigt Projekte und Menschen, die zeigen, dass Leistungsfähigkeit, Engagement und Kreativität auch im Alter möglich sind. Piening ist einer dieser Menschen. In Babelsberg geboren, führte er ein durchaus bewegtes Leben. Als Ingenieur arbeitete er in Paris und kam dann 1972 nach München, um sich um die Technik bei den Olympischen Spielen zu kümmern. Danach suchte er sich eine Anstallung in der Luft- und Raumfahrttechnik. Als sein Frühruhestand begann, hab er überlegt, was er tun könne: „Ich wollte nicht einfach nur Rentner sein, aber auch nicht einfach nur herumreisen.“

Vor etwas mehr als zehn Jahren entschied er sich, Besucher durch das Deutsche Museum zu führen _ in deutscher, englischer und französischer Sprache:“ Es sind bestimmt schon 400 Führungen zusammengekommen.“ Weil es ihm besonderen Spaß macht, sein Wissen an Kinder und Jugendliche weiterzugeben, versuchte er sich als Lesepate an einer Grundschule. „Dafür fehlte mir aber die Geduld“, gibt Piening zu., Auf einer messe erfuhr er dann schließlich von der „Werkstatt der Generationen“ und suchte gleich den Kontakt zu Schule.

            Obwohl seine Stunde erst dienstags stattfindet, beginnt der 78-Jährige mit seinen Vorbereitungen immer schon am Montag. Er besorgt die Materialien, packt sie in die dafür vorgesehenen Kartons, checkt noch einmal, ob alles vorhanden ist. „Und natürlich überlege ich mit gut, was ich den Kindern erzähle“, sagt er. Schließlich sollen die Jungs sich nicht langweilen. An der Kurz Monte Balan genannten Schule ist Piening der am meisten beschäftige Senior; andere Rentner kommen nur alle zwei Wochen oder für einzelne Projekte wie Zeitzeugengespräche, die Erzählwerkstatt, in der die Älteren über ihr Leben und ihren beruflichen Werdegang berichten, oder gemeinsame Theaterbesuche.

            Die Montessorischule an der Balanstraße gibt es seit 2008. 247 Schüler lernen in den Klassen eins bis zehn; bis 17.30 Uhr wird eine flexible Nachmittagsbetreuung angeboten. Auf das Abitur werden die Mädchen und Jungen on der Montessori-Fachoberschule in Freimann vorbereitet. Bene der Werkstatt der Generationen hat sich die Monte Balan als Schwerpunkt die Inklusion gesetzt; 24 Kinder mit zusätzlichem Förderbedarf besuchen die Schule.

            Im Kurs von Helmut Piening fällt den neun Buben die Konzentration mittlerweile ein wenig schwer. Sie haben keine Lust mehr auf Sitzen und Zuhören, sondern wollen lieber toben. Lehrerin Elena Bingert greift kurz ein und mahnt zur Ruhe. Piening bleibt gelassen. „Das ist nicht anstrengend für mich“, sagt er und lacht. Schließlich profitiere auch er von seinen Exkursionen in die Schule: „Die Lebensfreude der Kinder steckt mich an.“

 

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